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In Europa wurden in den vergangenen Wochen in mehreren Ländern Pillen getestet, die Konsumierende als MDMA-Pillen (Ecstasy, XTC) gekauft haben und stattdessen oder zusätzlich zu MDMA die Substanz PMMA (Paramethoxymethamphetamin, 4-MMA) enthielten. Auch das Drogeninformationszentrum Zürich (DIZ, saferparty.ch) und andere Schweizer Drug Checkings haben in letzter Zeit PMMA in abgegebenen Pillen nachgewiesen. In den Niederlanden veröffentlichte das Trimbos-Institut Ende August 2026 eine Warnung der höchsten Stufe, da in mehreren Pillen eine lebensgefährlich hohe Dosis PMMA gefunden wurde.
Solche Analyseergebnisse sind für den Schweizer und den Europäischen Markt ungewöhnlich: wie europäische Statistiken zeigen, ist in als MDMA gekauften Pillen fast immer MDMA in unterschiedlichen Dosierungen enthalten. Wie auch unsere jährliche Auswertung in Zürich zeigt, werden seit über zehn Jahren kaum andere psychoaktive Substanzen in MDMA-Pillen gefunden. Wenn andere Substanzen enthalten sind, handelt es sich oft um günstige Ersatzstoffe wie z.B. Koffein oder Amphetamin, die eine MDMA-ähnliche Wirkung vortäuschen und dem Hersteller möglichst viel Gewinn einbringen. PMMA hingegen ist eine Substanz, die weder als besonders "günstig" bezeichnet werden kann (PMMA muss über eine eigene komplexe Synthese hergestellt werden), noch ist der Rausch der Substanz speziell von Konsumierenden gewünscht (PMMA wirkt eher subtil). PMMA ist zudem nicht legal. Bei anderen untypischen Substanzen ist eine fehlende Regulierung oft der Grund für ihr Auftauchen auf dem Markt. Zusätzlich ist die gewünschte Substanz MDMA in Europa sehr günstig und gut auf dem illegalen Markt erhältlich. Bisher ist unklar, weshalb diese Substanz aktuell häufiger nachgewiesen wird.
Die Substanz PMMA wurde in Europa zuletzt vor über zehn Jahren in grösserem Umfang auf dem illegalen Markt nachgewiesen. Damals führten mehrere PMMA-Wellen in Norwegen, Kanada, Israel und Grossbritannien zu einer ungewöhnlich hohen Zahl an Todesfällen. In Norwegen wurden innerhalb eines halben Jahres zwölf Todesfälle und 22 schwere Vergiftungen dokumentiert, in Alberta und British Columbia zwischen 2011 und 2012 insgesamt 27 Todesfälle. Seither ist PMMA weitgehend vom europäischen Markt verschwunden und tauchte nur noch vereinzelt auf. Die Todesfälle mit PMMA sind jedoch nicht ausschliesslich auf PMMA zurückzuführen, teilweise waren weitere Substanzen im Mischkonsum beteiligt. Jedoch zeigen viele der Fälle, dass PMMA eine sehr viel risikoreichere Substanz ist als MDMA, besonders wenn Konsumierende nicht wissen, dass in ihren Pillen PMMA und kein MDMA enthalten ist.
Warum PMMA risikoreicher ist als MDMA
PMMA gehört wie MDMA und Amphetamin zur Gruppe der Amphetamine, ist jedoch nicht gut erforscht und unterscheidet sich in mehreren Punkten von MDMA. Die dopaminerge Wirkung, die bei MDMA für den körperlichen Antrieb und für einen Teil der Euphorie-Wirkung sorgt, ist bei PMMA nur schwach ausgeprägt. Die erwünschten Effekte fallen deshalb gering aus, während die körperliche Belastung in vollem Umfang eintritt. Berichte von Personen, die PMMA gezielt konsumiert haben, beschreiben es als kaum möglich, eine angenehme Wirkung zu erreichen, ohne gleichzeitig deutliche unerwünschte Effekte zu bekommen. Das heisst: PMMA belastet den Körper stark, während die Rauschwirkung möglicherweise kaum spürbar ist.
Hinzu kommt ein weiterer Unterschied: PMMA hemmt vermutlich wie ihre verwandte Substanz PMA ein Enzym, welches Serotonin abbaut. Der Körper schüttet also durch den Konsum Serotonin aus, kann es aber gleichzeitig schlechter abbauen. Diese Kombination erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Serotoninsyndroms mit schwerer Überhitzung. In der kanadischen Auswertung der PMMA-Todesfälle zeigten 16 von 17 im Spital verstorbenen Personen ein Serotoninsyndrom, gemessene Körpertemperaturen lagen teils über 43 Grad. Das heisst: PMMA belastet den Körper auch dann, wenn kaum eine Wirkung spürbar ist. Der Körper kann überhitzen, während der Rausch ausbleibt.
Der dritte und vermutlich risikoreichste Punkt ist jedoch die Zeit: die Wirkung von PMMA beginnt nach dem Konsum viel später als bei MDMA. Während MDMA nach etwa 30 bis 60 Minuten spürbar wird, berichten Konsumierende bei PMMA von 1 -2.5 Stunden bis zum Wirkungseintritt. Das heisst: Konsumierende halten die Pille für zu schwach dosiert und legen nach, bevor PMMA überhaupt zu wirken beginnt. Viele der dokumentierten Vergiftungsserien zeigen dieses Muster.
Verstärkt wird dieses Risiko durch ein sehr schmales Dosisfenster: bei PMMA liegen die wirksame Menge und die gefährliche Menge viel näher beieinander als bei MDMA. Hinzu kommt, dass PMMA über ein Leberenzym abgebaut wird, dessen Aktivität von Mensch zu Mensch stark schwankt. Es ist also wahrscheinlich, dass dieselbe Pille bzw. dieselbe PMMA-Dosis bei zwei Personen unterschiedlich stark und unterschiedlich lange wirkt. Dies und die fehlenden wissenschaftlichen Informationen zu PMMA sind auch der Grund, wieso unsere Substanzinfos sowie auch andere Literatur keine empfohlenen Konsummengen für PMMA angeben, da Dosierungen bei PMMA scheinbar sehr unterschiedlich wirken können.
Am Aussehen lässt sich PMMA nicht erkennen. Logo, Farbe und Form der Pille sagen nichts über den Inhalt aus und Pillen mit identischem Aussehen können unterschiedlich zusammengesetzt sein. Auch Reagenztests (Farbtests) helfen nur begrenzt. PMMA zeigt beim Marquis-Test keine Färbung. Enthält eine Probe ausschliesslich PMMA, fällt das auf. Sobald aber MDMA in derselben Pille enthalten ist, überdeckt dessen kräftige Reaktion das PMMA vollständig. Ein unauffälliges MDMA-Ergebnis ist damit kein Ausschluss. Sicherheit gibt nur eine Laboranalyse in einem Drug Checking.
Was kann ich tun?
Eine PMMA-Überdosierung ist behandelbar, erfordert aber möglichst schnell medizinische Hilfe. Bei einer MDMA-Überdosierung sind psychische und körperliche Effekte in der Regel gleichzeitig stark: eine intensive Wirkung, Kieferpressen, Herzrasen, Schwitzen, viel Energie, Kreislaufprobleme. Bei einer PMMA-Überdosierung bleibt die empfundene Rauschwirkung/psychische Wirkung (High) eher schwach, während der Körper jedoch deutliche Nebenwirkungen zeigt. Auffallen können starkes Schwitzen bei gleichzeitig steigender Körpertemperatur, ein sehr schneller Puls, Muskelsteifigkeit, Zittern oder Zuckungen in Armen und Beinen, unkontrollierte Augenbewegungen, Übelkeit und Erbrechen, ausgeprägte innere Unruhe sowie zunehmende Verwirrtheit.
Als äusserste Warnsignale gelten sehr hohe Körpertemperatur mit heisser Hautoberfläche, Verwirrtheit oder fehlende Ansprechbarkeit, ein Krampfanfall, steife oder unkontrolliert zuckende Muskeln, Brustschmerzen, Atemnot sowie Bewusstlosigkeit. Bei einem dieser Zeichen sofort 144 anrufen und nicht abwarten.
Bis der Rettungsdienst eintrifft, zählt vor allem eines: die Temperatur senken. Hole dir Unterstützung bei Freund*innen, wende dich an das Security-Personal oder an die Bar. Bringe dich oder die betroffene Person an einen kühlen, ruhigen Ort und beende jede körperliche Aktivität. Öffne enge Kleidung, benetze Haut, Nacken und Unterarme mit kühlem Wasser und sorge für Luftzug. Kühle Tücher in Nacken, Achseln und Leisten helfen zusätzlich. Ist die betroffene Person wach und ansprechbar, kann sie schluckweise Wasser trinken, aber nicht in grossen Mengen. Kein weiterer Konsum und keine Medikamente. Halte eine unruhige Person nicht fest, denn Fixierung steigert die Körpertemperatur zusätzlich. Bleib bei der Person und lass sie nicht allein. Sag dem Rettungsdienst offen, was konsumiert wurde.
Safer Use bei PMMA-Verdacht